Zwei Jahre ist es nun her, dass mein Sohn Leif gestorben ist.
Zwei Jahre. Für manche ist das vielleicht schon eine lange Zeit. Für mich fühlt sich vieles noch immer an wie gestern. Und gleichzeitig liegt zwischen meinem damaligen und meinem heutigen Leben eine Welt.
Nichts ist mehr, wie es einmal war. Natürlich gibt es Teile meines Lebens, die sich vertraut anfühlen. Ich arbeite, ich lache, ich verbringe Zeit mit Menschen, die ich liebe. Ich freue mich über Dinge, mache Pläne, bin neugierig auf das Leben. Und trotzdem ist dieses Leben ein ganz anderes geworden.
Ich bin nach wie vor dabei herauszufinden, wer ich in diesem neuen Leben eigentlich bin. Was von mir geblieben ist, was sich verändert hat und wer ich vielleicht auch noch werden möchte, um in diesem Leben gut sein zu können.
Denn es ist ein Leben, das ich mir so nicht ausgesucht habe.
Was mich dabei immer wieder beschäftigt, sind die Beziehungen zu anderen Menschen. Es gibt Menschen, bei denen ich manchmal das Gefühl habe, sie warten darauf, dass wir irgendwann wieder dort anknüpfen können, wo wir vor Leifs Erkrankung und seinem Tod einmal waren. Als wäre das, was geschehen ist, eine lange, schreckliche Unterbrechung gewesen, nach der irgendwann wieder Normalität einkehren könnte.
Aber diesen Ort gibt es nicht mehr.
Und es wird ihn auch nie wieder geben.
Das bedeutet nicht, dass ich diese Menschen nicht mehr mag. Im Gegenteil. Es gibt viele, mit denen mich schöne Erinnerungen, eine lange gemeinsame Geschichte und aufrichtige Zuneigung verbinden. Und trotzdem merke ich, wie schwer es manchmal geworden ist, wirklich wieder zusammenzukommen.
Weil wir nicht einfach dort weitermachen können, wo wir aufgehört haben. Weil ich nicht mehr dieselbe bin. Und weil auch unsere Beziehung nicht mehr dieselbe sein kann.
Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder an mir selbst zweifle. Ob ich zu empfindlich geworden bin. Zu sensibel, zu kleinlich, zu anspruchsvoll. Ob ich mich mehr bemühen müsste, großzügiger sein sollte, weniger erwarten dürfte.
Und dann spreche ich mit anderen Eltern, die ebenfalls ein Kind verloren haben. Mit Menschen die auch einen schweren Verlust erlebt haben. Und höre so oft ganz ähnliche Geschichten.
Auch sie erzählen davon, dass sich Beziehungen verändert haben. Dass manche Freundschaften nicht mehr tragen. Dass es schwer geworden ist, mit Menschen zusammenzukommen, die sich wünschen, man möge doch bitte wieder die Person werden, die man einmal war.
Vielleicht liegt darin eines der großen Missverständnisse im Umgang mit Trauer. Dass wir glauben, irgendwann sei das Schlimmste überstanden und dann könne das Leben wieder weitergehen wie zuvor.
Aber es gibt kein Zurück.
Es kann nur ein neues Miteinander geben. In einem Leben, das sich grundlegend verändert hat.
Und dieses neue Miteinander braucht die Bereitschaft, sich auch neu kennenzulernen. Fragen zu stellen. Interesse zu zeigen. Auszuhalten, dass manches anders geworden ist. Vielleicht auch, dass nicht mehr alles so leicht und selbstverständlich funktioniert wie früher.
Ich merke, dass mir oft die Kraft fehlt, mich um all die Beziehungen zu kümmern, die irgendwo darauf warten, dass es wieder weitergeht. Nicht, weil sie mir gleichgültig geworden sind. Sondern weil ich diese Kraft für so vieles andere brauche. Für mein Leben, für meine Familie, für meine Arbeit. Und nicht zuletzt dafür, jeden Tag mit dem Verlust meines Sohnes zu leben.
Was mich manchmal besonders traurig macht, ist die Erfahrung, dass Menschen vor allem auf das reagieren, was sie sehen.
Und wenn man mich sieht, würde man vermutlich nicht unbedingt vermuten, was in meinem Leben geschehen ist.
Ich kann gut funktionieren. Ich kann Seminare geben, aufmerksam und präsent sein. Ich kann in meiner Praxis sitzen, zuhören, mitdenken und mich zugewandt mit dem Leben anderer Menschen beschäftigen. Ich kann lachen, mich freuen, ausgelassen sein und das Leben genießen.
Es gibt viele lebensbejahende, kraftvolle und zuversichtliche Anteile in mir. Und ich bin froh, dass es sie gibt.
Aber sie erzählen eben nicht die ganze Geschichte.
Denn während all das stattfindet, bin ich jeden Tag auch mit Leif beschäftigt.
Ich denke an ihn, so wie ich an meine beiden anderen Kinder denke. Ich frage mich, wie es ihm geht, wo er wohl ist und was er gerade macht. Ich denke darüber nach, was er zu diesem oder jenem sagen würde. Was ihn zum Lachen gebracht hätte. Wie er heute wohl wäre.
Er ist nach wie vor mein Kind. Und er beschäftigt mich genauso wie meine anderen Kinder.
Nur dass es über ihn keine neuen Geschichten mehr gibt.
Und dass kaum noch jemand nach ihm fragt.
Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass Menschen lieber gar nicht erst nach meinen Kindern fragen, weil sie dann vielleicht auch Leif erwähnen müssten. Als wäre es besser, das Thema ganz auszusparen, als das Risiko einzugehen, mich traurig zu machen.
Dabei ist er ja nicht weniger da, nur weil niemand von ihm spricht.
Und ich bin nicht weniger traurig, nur weil niemand danach fragt.
Vielleicht schreibe ich diesen Text, weil ich etwas von dem sichtbar machen möchte, was im Alltag so leicht unsichtbar bleibt.
Weil ich zeigen möchte, dass ein Mensch, der lacht, arbeitet, reist und am Leben teilnimmt, trotzdem jeden Tag um sein Kind trauern kann. Dass Lebensfreude und tiefe Traurigkeit nebeneinander existieren können, ohne dass das eine das andere aufhebt.
Und vielleicht schreibe ich ihn auch für all die anderen Eltern, die mir immer wieder erzählen, wie anstrengend es ist, in einem Leben zurechtzukommen, das sie sich so niemals gewünscht haben. Die versuchen, ihren Platz neu zu finden, und dabei manchmal auch Menschen verlieren, die ihnen einmal sehr nah waren.
Zwei Jahre sind keine lange Zeit.
Und selbst wenn es zehn oder zwanzig Jahre wären, würde das nichts daran ändern, dass unsere Kinder zu uns gehören.
Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft besser verstehen lernen, dass Trauer nicht irgendwann erledigt ist. Dass Menschen, denen etwas so Einschneidendes widerfahren ist, nicht einfach wieder zu den Menschen werden, die sie vorher waren.
Und dass Mitgefühl nicht nur in den ersten Wochen und Monaten gebraucht wird, wenn das Unglück noch für alle sichtbar ist.
Sondern auch später. Wenn der Alltag längst wieder eingekehrt ist. Wenn die anderen weitergegangen sind. Wenn man nach außen vielleicht sogar den Eindruck vermittelt, man hätte sich ganz gut zurechtgefunden.
Ich wünsche mir mehr Interesse an dem Leben, das danach kommt. Mehr Fragen, mehr Zugewandtheit und vielleicht auch mehr Mut, das anzusprechen, wofür es keine guten Worte gibt.
Denn das Schweigen schafft nicht unbedingt Schutz. Manchmal schafft es vor allem Distanz.
Ich suche nach wie vor nach meinem Platz in diesem neuen Leben. Ich möchte es gut leben. Ich möchte glücklich sein dürfen, lachen, lieben und mich auf das freuen, was noch kommt.
Und ich möchte, dass Leif darin seinen Platz behält.
Nicht nur in meinen Erinnerungen. Sondern auch in meinen Beziehungen, in unseren Gesprächen und in dem Leben, das wir ohne ihn weiterführen müssen.
Ich möchte nicht zurück in mein altes Leben. Ich weiß, dass es dieses Leben nicht mehr gibt.
Aber ich wünsche mir Menschen, die bereit sind, mir in meinem neuen Leben zu begegnen.
Ich schreibe diesen Text vor allem für mich. Aber ich teile ihn auch für all diejenigen, die Ähnliches erleben und vielleicht manchmal selbst keine Worte dafür finden. In der Hoffnung, dass dadurch etwas sichtbar wird, was im Alltag oft verborgen bleibt. Und dass es uns gelingt, ein wenig aufmerksamer und verständnisvoller miteinander umzugehen. Dafür öffne ich hier einen sehr persönlichen Teil meines Lebens.


